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„Wendejahre“ im selbständigen Leben

In Gesprächen mit anderen Selbständigen und unseren Workshop-Teilnehmerinnen stellen wir regelmäßig fest, dass es bei aller Unterschiedlichkeit der Dienstleistungen und Produkte doch immer einen ähnlichen Verlauf in der Selbständigkeit an sich gibt. Wir nennen sie die „Wendejahre“ – Jahre, die dem eigenen Business und einem selbst viel Flexibilität, Geduld und Ausdauer abverlangen.

Das 1. Jahr – Mit Volldampf ins Businessglück

Ach, diese Euphorie der Anfangszeit! Mit einer Idee im Kopf und einem Businessplan in der Hand springt man als Gründer ins kalte Wasser und schwimmt einfach los. Man konzipiert, man setzt um, man verbringt gerne Nachtschichten und Wochenenden mit dem neuen Projekt. Hat man eine innovative neue Dienstleistung oder Produkt am Start, umarmt einen die Hochzeitsszene und man findet sich mitten im bunten Trubel der kreativen Wedding World wieder. Das Business läuft super an und das erste Jahr fliegt nur so an einem vorbei… genießt es!

Das 3. Jahr – Ankommen (oder das böse Erwachen)

Nach dem aufregenden ersten Business-Jahr wiederholen sich im Zweiten die Abläufe und so etwas wie Routine stellt sich ein. Man kommt in seinem Business-Alltag an und zieht zum ersten Mal ruhige Bahnen – ankommen und aufatmen, der Einstieg in die Selbständigkeit ist geglückt!

Doch Achtung: Nicht selten erleben hier Selbständige ein böses Erwachen – denn nach drei Jahren werden die ersten Steuern fällig. Schwamm man gefühlt die ersten Jahre nicht in Geld? Wer nicht von Beginn an ordentlich kalkuliert, Brutto von Netto und „Netto-netto“ unterscheidet und passende Rücklagen für das Finanzamt bildet, muss im schlimmsten Fall mit Steuerschulden gleich das Business wieder abmelden. Lieber gleich vorsorgen und die zu erwartende Steuer auf das Tagegeldkonto packen!

Apropos: Spätestens im 3. Business-Jahr, also nach Ende der offizielle Existenzgründungszeit von drei Jahren, sollte man unbedingt über seine Rente nachdenken. Anders als in der Festanstellung sorgt der Selbständige selbst vor – am Besten macht ihr mit einem kompetenten Versicherungmakler den kompletten Check. Denn nach drei Jahren prüft man am besten auch gleich alle Versicherungen rund um Berufsunfähigkeit, Vermögensschadenhaftpflicht und Co.

Wer dies bereits innerhalb der ersten zwei Jahre schon erledigt hat, sollte sich im Jahr 3 nach der eigenen Gründung unbedingt die Zeit nehmen, um einmal das bislang Geschehene zu reflektieren: Was hat gut geklappt? Was habe ich gelernt? Was war bedeutsam? Was möchte davon für die Zukunft mitnehmen? Und alle anderen sollten dies natürlich auch machen.

Das 5. Jahr – Mitten im Wettbewerb

Wenn man sich fünf Jahre mit ein und dem selben Thema beschäftigt, ist man Experte! Man kennt das eigene Geschäft in- und auswendig, vielleicht läuft es so gut, dass die ersten Mitarbeiter an Bord sind. Mancher Selbständiger steuert da schon ein ganz großes Boot.

Und so stellen sich nach fünf Jahren auf einmal ganz neue Fragen: Bin ich eigentlich noch auf der richtigen Route? Haben sich meine Ressourcen in den vergangenen Jahren verändert? Möchte ich noch genauso arbeiten wie am Anfang?

Viele Selbständige verspüren nach fünf Jahren ein großes Bedürfnis auszubrechen, sich noch einmal neu in ihrer Branche zu erfinden, ordentlich Klarschiff zu machen. Da kann ein neues Logo und Webseite helfen, manchmal muss es aber auch eine neue Positionierung sein.

Denn nach fünf Jahren ist man selbst nicht mehr der angesagte Newcomer. Vielleicht sind da „Neue“ in der Branche mit heißeren Ideen. Vielleicht hat man auch schon harte Erfahrungen wie Ideenklau oder Imitation erfahren müssen. Mit Sicherheit wird das Marketing-Konzept aus Gründungszeiten nun nicht mehr passen, zu einem selbst und auch wegen der sich stets ändernden Medien- und Social Media-Landschaft.

Es gibt viel zu tun! Wie sieht der Plan für die nächsten fünf Jahre aus?

Das 10. Jahr – Feiern, Krönchen richten, weitermachen

Wer den 5-Jahres-Meilenstein passiert hat, atmet gefühlt einmal tief durch und schon steht das nächste große Jubiläum vor der Tür. 10 Jahre, wenn das kein guter Grund zu feiern ist! Ideal für die eigene Marketingstrategie, denn solch ein Geburtstag bietet einfach eine Menge Potential für Geschichten, Aktionen und Angebote.

Doch bei aller Feierei: Man gilt nun als „alter Hase“ im Geschäft – daran ist gut: Man kennt wirklich alles und jeden, hat so ziemlich jede Situation schon einmal erlebt. Daran ist schlecht: Man gilt als „alter Hase“ im Geschäft. Um wirklich Aufmerksamkeit zu bekommen, muss man sein eigenes hohes Niveau halten und immer wieder steigern.

Vielleicht ist man deshalb nach diesen Jahren etwas Business-müde, fragt sich nach dem Sinn und Zweck des Ganzen, hat von dem stetigen Wandel langsam wirklich die Nase voll. Manchmal möchte man diesen ganzen jungen Dinger gerne mal was erzählen – aber hey, vielleicht ergibt sich genau daraus ein neues Businessmodell: Man teilt sein Expertenwissen nun mit Newcomern und passt das Tagesgeschäft entsprechend an. Oder man steuert als kreativer Kopf ein Team von Mitarbeitern, die das eigene Business operativ umsetzen. Oder man erfindet sich noch einmal ganz neu!

Wichtig ist es, dass man sich auch mit einem gut laufenden Business nach zehn Jahren noch einmal intensiv hinsetzt, um einen neuen Businessplan zu schreiben! Mit all dem Wissen der vergangenen Jahre lassen sich eine Strategie und Maßnahmen viel einfacher und besser umsetzen als noch zu Beginn. Die eigene Expertise dabei herauszustellen, ist ein absolutes Muss. Es lohnt sich, alles noch einmal im Detail zu kalkulieren und zu rechnen. Es lohnt sich, einen Blick auf die eigenen Dienstleistungen, Produkte und das Marketing zu werden.

Selbständig zu sein, lohnt sich!

Und ja, bei all dem Fleiß, dem Schweiß, den Tränen, den Nerven, der Ausdauer, der Geduld, der Flexibilität – es lohnt sich. Wirklich.

Mit der eigenen Kreativität ein Business aufzubauen, ist eine Leistung, auf die man stolz sein kann und darf. Mit einem kreativen Business den eigenen Lebensunterhalt bestreiten zu können, dafür sollten wir uns alle einmal auf die Schulter klopfen. Vor allem: Mit der eigenen Kreativität leben UND arbeiten zu können, das ist doch einfach das Beste! Das ist es wert.

Und – an welchem Wendepunkt stehst du gerade? Wobei können wir Dir behilflich sein?

 

Bild: Sweet Icecream Photography / Unsplash